Die Röchte-Telefonate (8)

Es ist gelungen, den mittelwestfälischen Autor Antonius Röchte für eine Reihe von Telefoninterviews zu gewinnen. Sie werden hier in loser Folge veröffentlicht.

 

jojo: Tag, Herr Röchte, wir hatten ein Interview vereinbart. Passt es grad?

Antonius Röchte: Nein, aber legen sie los.

Lange nichts von ihnen gehört, waren sie in Hamburg?

Ich in Hamburg? Sie meinen am Wochenende? Wie kommen sie denn darauf?

Sie als Kapitalismuskritiker…

Vorsicht. Ein Kritiker ist doch jemand, der auf Schwachstellen hinweist um etwas zu verbessern.

Wenn sie meinen. Also Kapitalismusgegner.

Ein großes Wort. Unter einem Gegner verstehe ich jemand, der etwas bekämpft. Ich bekämpfe den Kapitalismus nicht. Auch wenn ich ihn nicht mag.

Sagten sie neulich schon: „Den Drachen füttern“.

Ihn ruhig halten.

Aber sie als Linker …

Halt, stopp. Jetzt sagen sie mir bitte zuerst, was sie unter „links“ verstehen.

Gremliza hat das in der letzten konkret so beschrieben: „Für mehr Gewalt, Waffen, Soldaten, Polizei, Überwachung, weniger Rechte für Frauen, Schwule, Lesben, Ausländer, mehr Vaterland, Arbeitszeiten, Autos, Abgase, weniger Rente: Das ist rechts. Von allem das Gegenteil: Da geht`s nach links“.

O.k., dem könnte ich mich anschließen. Aber vielleicht ein wenig materialistischer: Follow the money. Wir wissen, das Geld fließt immer nach oben. Gib dem Ärmsten einen Euro, irgendwann wird er in der Hand des Reichsten landen. Links wäre für mich alles, was sich diesem Naturgesetz des Kapitalismus entgegenstellt. Also dafür sorgt, das Geld nach unten fließt. Was das Kapital nicht freiwillig hergibt, muss erzwungen werden. Das ist vielleicht auch keine befriedigende Definition für „links“ aber wenn ich Entwicklungen, Aktionen etc. beurteilen möchte, frage ich mich immer: Wem nützt es? Wohin fließt die Kohle?

Dann noch mal nach Hamburg. Wem haben die Proteste genutzt?

Ganz platt gesagt, dem Kapital.

Sie meinen, weil es an abgefackelten Autos und kaputten Ladenfenstern letztlich verdient?

Das auch. Aber man hat ja dieses große Tohuwabohu auch inszeniert, um von den Schweinereien abzulenken, die auf diesem Gipfel wahrscheinlich wieder verhackstückt wurden. Außerdem sehen wir ja, wie die riots, die völlig absehbar waren, jetzt gegen linke Projekte gewendet werden. Da hat die sogenannte „Linke“ sich selbst ins Knie geschossen.

Man hätte also nicht protestieren sollen?

Ganz ehrlich? Ja, man hätte nicht protestieren sollen, zumindest nicht in Hamburg. Warum muss diese „Linke“ über jedes Stöckchen springen, das das Kapital und seine Helfer aus der Politik ihr hinhalten?

Aber man muss doch seine Meinung äußern.

Darum geht es doch gar nicht. Ich finde es toll, wenn junge Leute auf die Straße gehen, sich zusammentun, sagen, was ihnen nicht passt. Keine Frage. Aber in diesem Fall muss man sich doch ernsthaft fragen: Was hat es gebracht? Stellen sie sich mal Folgendes vor: Es wären zwar jede Menge Demos angemeldet worden aber nur ganz wenig Leute wären dahingekommen. Stattdessen hätte eine gut organisierte Linke (die es leider nicht gibt) an ganz anderer Stelle, vielleicht sogar in einem anderen Land, ein Gelände, ein Gebäude besetzt und demonstriert, wie sie sich ein gutes Leben jenseits des Kapitalismus vorstellt. Auch so eine Aktion wäre wahrscheinlich irgendwann platt gemacht worden, vielleicht auch nicht, wäre aber eine ganz andere und wirkungsvollere Form des Protests gewesen, als das, was in Hamburg gelaufen ist.

Braucht aber auch eine gewisse Militanz. Wie stehen sie denn zur Gewalt?

Schwierige Frage. Ich selbst kann nicht militant sein und kann das deshalb auch nicht von anderen fordern. Will nicht der Opa sein, der seine Enkel in den Krieg schickt. Das hindert mich aber nicht daran, der Wut junger Leute, die sich mit der geballten Staatsmacht konfrontiert sehen, ein gewisses Verständnis entgegenzubringen.

Sie meinen also, die Linke sollte ihre Kraft nicht mit Protesten verschwenden, sondern sie in Alternativen stecken.

Ja, auch wenn das ein wenig hippiemäßig klingt. Und das gilt natürlich nicht nur für Hamburg. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Protest gegen das Kapital nichts bringt, es sich im Zweifel selbst erledigt und eine Linke gut beraten wäre, viel stärker an Alternativen zu arbeiten und Freiräume für Leute zu erkämpfen, die mit der kapitalistischen Lebensweise nichts am Hut haben. Die Hamburger Flora ist ja wohl eines solcher wenigen Projekte. Sollte sie nach den Krawallen dicht gemacht werden, hat man genau das Gegenteil von Fortschritt erreicht.

In der ZEIT dieser Woche sagt Armin Nassehi „Eine Linke braucht es nicht mehr“. Hat er etwa Recht?

Herr Nassehi ist ja kein ganz dummer Mensch auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin, was er so von sich gibt. Er sagt ja, dass der leere Signifikant ‚Kapitalismus abschaffen‘ als theoretische und politische Lösung nicht mehr taugt. Dem würde ich zustimmen. Eine Linke die glaubt, dieses Ziel erreichen zu können, indem sie den Kapitalismus bekämpft, brauchen wir nicht. Wenn es um das Abschaffen geht, setzte ich größere Hoffnungen auf den Kapitalismus selbst. Trotzdem halte ich die Linke (und ich meine jetzt nicht diese Partei von Restsozialdemokraten) nicht für obsolet. Wir brauchen eine Linke die Alternativen entwickelt und Freiräume für die Erprobung des guten Lebens erkämpft.

Ja, denn. Vielen Dank. Was machen sie jetzt? Musikhören?

Nein, ich geh in den Garten und hör den Vögeln zu.

Rudi und die Kohlwähler

Ist wohl heute der Tag, um an die große Band Rudi & die Kohlwähler zu erinnern. Hier in einer seltenen Liveaufnahme 1983 mit ihrem (lokalen) Smash Hit „Uns Gehts Gut“.

Rudi & die Kohlwähler – Uns Gehts Gut (Live im AZ Lippstadt 1983)

Die Röchte-Telefonate (7)

Es ist gelungen, den mittelwestfälischen Autor Antonius Röchte für eine Reihe von Telefoninterviews zu gewinnen. Sie werden hier in loser Folge veröffentlicht.

 

jojo: Tag, Herr Röchte, wir hatten ein Interview vereinbart. Passt es grad?

Antonius Röchte: Nein, aber legen sie los.

Sie hören grad Musik?

Ich dreh ja schon leiser. Eine Live-Aufnahme von Man aus den frühen Siebzigern.

Man? Sagt mir jetzt nichts.

Glaube ich gerne. Britische Band. Aus Wales, genauer gesagt. 68 gegründet.

Klar.

Haben ein paar gute Platten gemacht und sollen live der Hammer gewesen sein. Hab sie leider nie gesehen.

Gibt es die doch?

Keine Ahnung, vielleicht in der 10ten Neuauflage. Man gilt unter den britischen Progrock-Bands als die amerikanischste. Eine echte Dogen-Band. Zwanzig Minuten Gitarrenimprovisation und so.

Dachte immer, sie sind ein alter Punkrocker.

Johnny Rotten hat in Wirklichkeit auch so ein Zeug gemocht. Gebe gerne zu, manchmal Genesis, King Crimson, Hatfield and the North, Gentle Giant und sowas zu hören. Aber Man sind mir aus dieser Riege immer noch die liebsten.

O.k., und live? Was haben sie zuletzt live gehört?

Die Wave Pictures im Dortmunder Subrosa.

Oh, da muss ich jetzt auch passen.

Was kennen sie denn eigentlich? Ist aber ne neuere Band. Das heißt, so neu auch wieder nicht. Gibt es auch schon seit 1998. Kommen aus Wymeswold, Leicestershire. Liegt in England, wie sie wissen.

Klar.

Wohnen jetzt aber in London.

Und was machen die?

Da wäre ich dann wieder bei Man. Was die für den Progrock waren, sind die Wave Pictures für die sogenannte Indie-Mucke. Für mich die britische Band, die grad am amerikanischsten klingt. Außerdem ist ein eindeutiger Jonathan-Richman-Einfluss nicht zu verkennen.

Das interessiert mich jetzt aber.

Sollte es auch. Zuerst mal beherrschen alle drei ihre Instrumente. Ist bei neueren Bands ja nicht unbedingt immer der Fall. Ohne große Effektgeräte. Neben Indie-Schrammel gibt es Blueseinflüsse, manchmal ein bisschen Country, Rock’n’Roll, ab und zu ein leicht südamerikanischer Twang. Wie bei Jonathan eben. Sie haben es auch drauf, ganz leise zu spielen und ohne Mikro zu singen. Macht Richman ja auch oft. Weil sie spielen können, können sie auch improvisieren. Das hört man in der heutigen Popmusik nicht mehr so oft. Dementsprechend hat sich das Subrosa-Konzert auch total von dem im FZW unterschieden.

Wann war das?

Das FZW-Konzert? Im Dezember 2015. Noch nicht so lange her. Vorgestern im Subrosa waren auch mehr Leute, richtige Fans dabei. Einer hat ihnen sogar ein paar Runden Wodka spendiert.

Aber der Laden ist kleiner, oder?

Klar. Aber einer der besten in Dortmund. Da wurde noch mal völlig deutlich, welchen Einfluss die Location auf ein Popkonzert hat. Das Konzert im FZW war o.k., sie haben ihre Sachen gekonnt gespielt. Alle waren zufrieden. Aber das im Subrosa war eine ganz andere Nummer. Das FZW hat ja mit dem alten Laden am Neuen Graben nur noch den Namen gemeinsam. Der Neubau ist ein seelenloser Schuppen ohne Profil. Die machen alles, wenn die veranstaltenden Agenturen nur zahlen. Geht heutzutage vielleicht nicht anders, aber mein Ding ist das nicht.

Jetzt kommt schon wieder der Hippie in ihnen durch.

Scheiß drauf. Ist eben so. Vielleicht funktioniert Popmusik live sowieso nur in umgewidmeten Locations. Kinos, Kneipen, Industriegebäude, Bahnhofshallen … Schauen sie sich diese seelenlosen O2-Hallen, die es überall gibt, an. Wie das FZW: Guter Sound, unbestritten, aber ansonsten tot.

Die Multiplexkinos des Pop?

Ja. Die habe ich auch nie gebraucht.

Und welches ist das nächste Konzert?

Noch nichts geplant. Nehme mir immer vor, häufiger zu gehen und dann bleibt es dabei. Wahrscheinlich eine Alterserscheinung. Aber es gibt auch hier in der Gegend gute kleine Läden, die es zu unterstützen gilt. Mangelndes Angebot ist kein Argument. Anstatt die Kohle für teure Vinyls auszugeben, sollte man wohl öfter zu Livekonzerten gehen.

Klingt ja wie ein Aufruf.

Meinetwegen.

Danke für das Gespräch. Und was machen sie jetzt?

Noch eine Man-Platte hören.

Die Röchte-Telefonate (6)

Es ist gelungen, den mittelwestfälischen Autor Antonius Röchte für eine Reihe von Telefoninterviews zu gewinnen. Sie werden hier in loser Folge veröffentlicht.

 

jojo: Tag, Herr Röchte, wir hatten ein Interview vereinbart. Passt es grad?

Antonius Röchte: Nein, aber legen sie los.

Hatte es eben schon mal versucht. Wir wollten doch telefonieren.

Ja, war noch den Drachen füttern.

Den Drachen füttern? Was meinen sie damit?

„Shopping“, sagen die jungen Leute.

Und waren sie erfolgreich?

Die neue Feelies-CD und eine Packung Unterhosen, wenn sie es genau wissen wollen.

Den Ausdruck „den Drachen füttern“ hab ich in diesem Kontext noch nicht gehört. Wer oder was ist denn dieser Drache?

Muss ich das hier wirklich ausführen? Das Kapital natürlich.

Und das füttern sie? Warum lassen sie es nicht einfach verhungern?

Witzbold. Mach ich gerne, wenn sie mitmachen. Und alle, die durch die Supermärkte und Einkaufszonen rennen.

Aber die meisten haben doch Spaß daran.

Eben. Beziehungsweise meinen sie das zumindest. Sicher würde das Kapital ein allgemeiner Konsumverzicht schwer treffen, aber erzählen sie das mal den Leuten.

Tun sie es!

Habe ich aufgeben. Kapitulation auf der ganzen Linie.

Und füttern ihn stattdessen selbst, diesen Drachen.

Was soll ich machen. Muss in diesem System überleben. Es gibt kein anderes.

Kuba.

Ja, Kuba. Hab ich tatsächlich mal dran gedacht. Aber wie lange wird es denn dieses Kuba noch geben? Aber ehrlich gesagt, sind das nur Ausflüchte. Eigentlich muss ich hier bleiben, weil ich blöd bin. Beherrsche nur eine Sprache wirklich und kann mich nur mit Arbeiten am Kacken halten, die irgendwie mit Sprache zu tun haben. Da bleibt halt nur der deutsche Sprachraum und der ist nicht so groß. Ist mein persönliches Defizit, schon klar.

Aber könnten sie nicht auch im Ausland deutsche Texte verfassen?

Mag sein. Auf Dauer würde mir aber der Input fehlen. Wir Schreiber filtern und verdichten doch nur. Ja, ich sehe schon, dass sie das nicht überzeugt. Vielleicht bin ich auch nur zu faul oder zu alt. Auf jeden Fall werde ich hier bleiben und dem Drachen weiter meinen Tribut zollen.

Und es gibt keine Chance ihm zu entkommen?

Sehen sie eine? Ich nicht. Es ist doch wie in diesen Märchen: solange dem Drachen regelmäßig Opfer in Form von irgendwelchen Gaben oder auch von jungen Frauen oder Männern gebracht werden, lässt er die anderen in Ruhe. Sobald sie aufmucken, überzieht er das Land mit Vernichtung.

Aber da gibt es doch immer auch diesen Ritter, der den Drachen bezwingt.

Wer soll das sein? Dieser Schulz vielleicht oder Sarah Wagenknecht? Lächerlich. Nein, wir können froh sein, dass er im Augenblick nur unser Geld will. Ihm reicht, dass wir Teil seines Organismus sind. Die Menschenopfer holt er sich in Syrien, im Sudan, überall da wo Leute von Soldaten  ermordet werden, verhungern, an heilbaren Krankheiten krepieren oder in Umweltkatastrophen. Der Drache wütet weltweit. Wir leben auf einer Insel der Seligen.

Wenn wir Teil seines Organismus sind, sind wir dann also selbst der Drache?

Ja und nein. Wenn alle Menschen der westlichen Welt und Chinas und Japans, Koreas, Russlands und so weiter plötzlich aufhören würden, zu funktionieren wäre der Drache tot. Aber nur dann. Sobald nur ein wichtiger Teil seines Organismus überlebt, wird er wieder groß werden und sich die anderen Teile wieder einverleiben. Dass hat der Ostblock genau so erlebt.

Wobei man schon fragen darf, ob der Drache da wirklich tot war oder nur die Form gewechselt hat.

Sie sprechen von Staatskapitalismus. Kann sein. Das ist eine andere Frage, macht aber alles nicht besser.

Und nun?

Was, und nun?

Was tun?

Nichts. Wir werden weiter machen, wie wir es immer getan haben. Unsere Haut zu Markte tragen und den Drachen füttern. Wir können allenfalls schauen, dass es uns und unseren Lieben gut geht. Wenn es hoch kommt, können wir ein bisschen Einfluss auf unser Wohnumfeld nehmen, was für arme Kinder tun, für Geflüchtete, Obdachlose, eben für alle, denen der Drache mehr zusetzt als uns.

Klingt nach Gewissensberuhigung.

Ja, ist es.

Und was machen sie jetzt?

Die Feelies-Platte hören.

Die Röchte-Telefonate (5)

Es ist gelungen, den mittelwestfälischen Autor Antonius Röchte für eine Reihe von Telefoninterviews zu gewinnen. Sie werden hier in loser Folge veröffentlicht.

 

jojo: Tag, Herr Röchte, wir hatten ein Interview vereinbart. Passt es grad?

Antonius Röchte: Nein, aber legen sie los.

Was machen Sie denn grad?

Musikhören.

Dann lassen sie uns doch über Musik reden.

Wenn ihnen nichts anderes einfällt.

Was hören sie denn gerade so?

50 Song Memoir von den Magnetic Fields.

Oh, dann rufe ich in zweieinhalb Stunden noch mal an.

Nein, ist o.k. Bin fast durch.

Und?

Was, und? Erwarten sie jetzt eine spontane Plattenkritik?

Warum nicht? Die Platte ist ja in allen Medien gehypt worden. Was sagen sie?

Ja, das Marketing stimmt. Aber ehrlich gesagt, ich hab ihren Gebrauchswert noch nicht erkannt.

Was meinen sie denn mit Gebrauchswert?

Schlicht gesagt, ich weiß nicht, was ich mit der Platte anfangen soll. Zum Nebenbeihören taugt sie nichts, Tanzen kann man bei gutem Willen nur zu ein paar Stücken, im Auto möchte ich sie auch nicht hören und zum Intensivhören auf dem Sofa oder über den MP3-Player ist sie viel zu langatmig.

Habe irgendwo gelesen, dass es sich um ein Liedermacheralbum handelt.

Mag sein. Die Texte sind ja wohl wichtig und soweit ich sie verstehe, auch ganz lustig. Aber ich finde Texte in der Popmusik ziemlich überbewertet und wer setzt sich schon hin, um sich zweieinhalb Stunden das Gegrummel dieses Stephin Merritt anzuhören?

Sie vielleicht?

Ja, stimmt. Warum eigentlich? Denke, weil ich seine Stimme mag. Aber seine besten Stücke hat er auf 69 Songs veröffentlicht. Da führt kein Weg dran vorbei.

Noch mal zum Gebrauchswert. Sie meinen also Popmusik muss einen Gebrauchswert haben? Ein marxistischer Begriff.

Meinetwegen. Aber wenn ich etwas kaufe, will ich auch was damit anfangen können. Genuss auf dem Sofa, Entspannung, Tanzen, Erkenntnis, was weiß ich.

Schon mal was von autonomer Kunst gehört?

Ich spreche jetzt aus reiner Kundensicht. Natürlich hat Stephin Merritt das Recht, seine Ideen nach seinem Gusto umzusetzen. Und konzeptionell finde ich die Idee, jedem Lebensjahr einen Song zu widmen, ja auch interessant. Aus Sicht des Künstlers ist das ein Statement, völlig o.k. Hatte mir nach dem Wirbel um die Platte aber mehr versprochen. Und sie hatten mich ja nach meiner Meinung gefragt.

Ist denn heutzutage nicht das Marketingkonzept unmittelbarer Bestandteil eines künstlerischen Werks?

Mag sein, da sagen sie was. Kunst im Kapitalismus. Pop halt. Hat auch funktioniert, habe die Platte ja gekauft. Ihren Tauschwert von 30 € habe ich bei Saturn hingelegt. Aber noch mal: Das sagt gar nichts über ihren Gebrauchswert aus.

Und was machen Sie jetzt damit?

Erst mal zur Seite legen. Denke, ich hör sie mir in einem halben Jahr noch mal in Ruhe an, wenn das mediale Nebengetöse verklungen ist. Dann ziehe ich mir ein paar schöne Stücke, die es ja auch gibt, z.B. das, in dem es um Jefferson Airplane geht, herunter und packe sie auf eine Festplatte, die später mal mit in die Seniorenresidenz geht. Viele Stücke werden das aber wohl nicht werden. Aus heutiger Sicht. Aber vielleicht ändert sich das ja noch.

Und was hören sie als nächstes?

Volunteers von Jefferson Airplane.

Danke für das Gespräch.

Die Röchte-Telefonate (4)

Es ist gelungen, den mittelwestfälischen Autor Antonius Röchte für eine Reihe von Telefoninterviews zu gewinnen. Sie werden hier in loser Folge veröffentlicht.

 jojo: Tag, Herr Röchte, wir hatten ein Interview vereinbart. Passt es grad?

Antonius Röchte: Nein, aber legen sie los.

Sind sie eigentlich in den Sozialen Medien aktiv?

Soziale Medien? Na, ja. Ein bisschen Twitter. Was soll die Frage?

Die Leser wollen wissen, wie ein Mann wie sie im Netz aufgestellt ist.

Welche Leser? Ist doch uninteressant.

Also Twitter. Was machen sie da?

Überschriften lesen. Hab die Tageszeitung abbestellt, weil ich gemerkt hab, dass ich sowieso nur noch die Überschriften lese. Das kann ich auch bei Twitter. Und wenn doch mal was interessant zu sein scheint, kann man es ja anklicken und im Netz lesen.

Sonst nichts?

Nun ja, folge über 1.500 Accounts. Tageszeitungen, Medienblogs, Privatleuten, Parteien, Aktivisten, Möchtegernautoren, Bands, Musikagenturen, Städten … Was mich halt so interessieren könnte. Ist mein Newsticker.

Und das lesen sie alles?

Natürlich nicht. Ab und an reingucken reicht. Das meiste ist eh Schrott – was in der Tageszeitung aber nicht anders ist. Vom Fernsehen gar nicht zu reden.

Und sie selbst schreiben auch?

Wenig. Liest doch keiner.

Wieviel Follower haben sie denn?

Grad circa 400.

Das ist doch eine ganze Menge. Die durchschnittliche Followerzahl soll ja nur bei 1 liegen.

Solche Statistiken sind doch völliger Quatsch. Man kann doch nicht jeden der sich anmeldet und mal einen Tweet verschickt als Nutzer zählen.

Aber auch die aktiven Nutzer sollen durchschnittlich nur circa 60 Follower haben.

Wo haben sie das denn her? Was ist denn ein aktiver Nutzer? Aber egal, ich finde 400 nach acht Jahren wenig.

Solange sind sie schon dabei?

Denke ja. Außerdem glaube ich, dass nur 10 Prozent der Follower meinen Account wirklich verfolgen. Höchstens. Der Rest besteht aus Bots, irgendwelchen Unternehmen, Allesverfolgern, keine Ahnung. Aber darum geht es mir nicht. Twitter ist ein einfacher Blick in die Welt. That’s all.

Aber ein verkürzter und verzerrter.

Die Reduktion auf 140 Zeichen finde ich erstmal toll. Und welches Medium verzerrt nicht. Man muss eben damit umgehen können.

Wenn sie schon so viel lesen, dann werden sie auch viel liken.

Ich like nichts. Wenn ich einen Tweet richtig, wichtig oder einfach nur schön finde, dann retweete ich ihn. Da sollen dann auch andere was von haben. Liken ist Quatsch. Die Verbreitung von Nachrichten ist doch das Wesen von Twitter, oder? Wen interessiert schon, was ich so mag?

Was retweeten sie denn so?

Wie gesagt, alles was ich richtig, wichtig oder einfach nur schön finde. Aber nichts Privates keine Fotos von irgendwelchen Viechern und keine Mahlzeiten, auch kein Gestöhn über Montage oder Wochenendgejubel.

Das heißt, 95 Prozent des Twittercontents interessiert sie nicht.

So ungefähr. Sage ich doch.

Und wenn sie schreiben, was wäre das so.

Lesen sie doch selbst. Kann ihnen aber sagen, worüber ich nichts schreibe: Nichts Privates, nichts über Katzen und sonstige Viecher, nichts über mein Essen und auch sonst keine Bekundungen über meine Gefühlslagen, Gesundheitszustände und sonstige Befindlichkeiten.

Dann bleibt nicht viel.

Immer noch genug.

Dann müssen wir noch über Trump reden. Der WDR meint, Trump würde Twitter ruinieren. Zitat von Jörg Schieb auf der WDR-Seite: „Es ist halt auch peinlich, was auf Twitter los ist, seitdem Donald Trump den Zwitscherdienst als sein offizielles Sprachrohr erwählt hat“.

Über diesen Trump kann sich man wirklich nicht in 140 Zeichen auslassen. Aber kann man Twitter dafür verantwortlich machen, dass sich der Irre von Washington da austobt? Dahinter steckt doch der Gedanke, Twitter sei etwas Gutes. Das ist nicht so. Twitter ist eine Technik. Und jede Technik ist so gut oder so schlecht, wie sie genutzt wird. Das ist alles.

Aber in dem Artikel steht auch, dass Twitter aufgrund des hohen Tweet-Aufkommens durch die Trump-Diskussionen in die Knie gehen könnte.

Mag sei. Bleibt abzuwarten. Aber das ist doch ein technisches Problem, oder? Oder glauben sie, Jack Dorsey kriegt kalte Füße? Keine Ahnung. Wird sich zeigen.

Dann noch was anderes. Welche Musik hören sie grad?

Eine Compilation: C87. Aktuelle Musik ist grad sehr langweilig.

Danke für das Gespräch.