Die Röchte-Telefonate (13)

Es ist gelungen, den mittelwestfälischen Autor Antonius Röchte für eine Reihe von Telefoninterviews zu gewinnen. Sie werden hier in loser Folge veröffentlicht.

jojo: Tag, Herr Röchte, wir hatten ein Interview vereinbart. Passt es grad?

Antonius Röchte: Nein, aber legen sie los. Aber fangen sie bitte nicht wieder mit diesen Koalitionsverhandlungen oder irgendwelchen Sondierungsgesprächen an.

Keine Angst. Lassen sie uns über Musik reden.

Superspannend (gähnt laut). Worüber genau?

Ihre Platte des Jahres vielleicht?

Wahnsinnig innovativ. Aber gut: es gibt keine.

Sie meinen, 2017 ist nicht Gutes erschienen?

Doch schon, aber eine Platte des Jahres sollte ein Hammer sein, etwas Nie-Gehörtes oder zumindest sollte sich eine gewisse Anzahl von Expertinnen und Experten auf eine Veröffentlichung einigen. Schauen sie mal in die Spex. 38 Autorinnen und Autoren – und alle haben verschiedene Bestenlisten, nur ganz selten wählen mal zwei Personen die gleiche Platte auf Platz 1 und bei den Leserinnen und Lesern sieht es noch mal wieder anders aus. Keine Konsensalben mehr. Muss aber nicht schlimm sein.

Das Spex-Album des Jahres kommt von Kelela.

Ja. Steht im Leserpoll aber nur auf Platz 8 und in anderen Musikzeitschriften spielt sie nicht die große Rolle.

Und wie finden sie Kelela?

Sorry, kann nichts dazu sagen. Das Björk-Radiohead-Phänomen.

Was ist denn nun das schon wieder?

Ich kann einige Musiken nicht hören, weil ich die Stimmen nicht ab kann. Meistens ist das nicht schlimm, weil auch die Musik Scheiße ist. Aber von Björk oder Radiohead und eben auch von Kelela würde ich mir Instrumentalplatten gerne anhören. Ist mein persönliches Problem, hat nichts mit der Qualität der Künstler zu tun. Gilt auch für Solange, Bruce Springsteen, mit Abstrichen auch für Van Morrison. Zum Glück muss ich mich nicht professionell mit Musik beschäftigen und kann es mir leisten, bestimmte Veröffentlichungen, wie die neue Björk-Platte, einfach zu ignorieren. Vielleicht fragen sie einfach nicht den richtigen.

Aber es ist doch immer subjektiv. Welche Neuerscheinungen haben sie denn im letzten Jahr gerne gehört?

Ganz ehrlich? Antilopengang – und zwar die beigelegte zweite CD mit den Punkversionen. Prollig oder? Kommt zumindest in den verschiedenen Jahrescharts nicht so oft vor.

Und sonst?

Ach, schöne Sachen gibt es doch immer: Shabazz Palaces, Feelies, Neil Young, The National, The War On Drugs, Portugal The Man, Kendrick Lamar … Nicht so überzeugt hat mich der hochgehandelte Thundercat, auch LCD Soundsystem haben mir schon mal besser gefallen. Aber wie gesagt, der große Wurf war 2017 nicht dabei. Aber vielleicht habe ich auch nicht alles gehört bzw. sowieso keine Ahnung.

Gab es denn Newcomer, die es zu verfolgen lohnt?

Mmh, sind mir nicht aufgefallen. Im Radio höre ich weiterhin die Quietschmädchen und Jammerjungs mit schlimmen Stimmen, die aber nicht unter das Björk-Radiohead-Phänomen fallen, weil auch die Musik langweilig ist. Aber alles habe ich auch nicht verfolgt. Simon Joyner finde ich ganz interessant. Aber der hat schon eine Menge Platten gemacht. Hab ihn nur jetzt erst entdeckt.

Von Bob Dylan gab es doch auch Neues.

Ein ganz anderes Thema. Als Fan kann ich seine Triplicate-Platte nur Kacke finden. Obwohl ich mir denken kann, warum er das macht.

Und das wäre?

Bin kein Dylanologe, aber klar ist doch, dass er versucht, die große amerikanische Songtradition zu konservieren. Das fing mit Woody Guthrie an und ging mit Blues und Country weiter. Als er in den späten Siebzigern auf Gospel machte …

Da ist ja auch grad was in den Bootleg Series erschienen …

Ja. Da dachten alle, er ist zum Christentum konvertiert. Was Quatsch war, nur eine weitere Rolle, um Gospel zu performen. Und jetzt gibt er eben den Crooner.

Seine letzte Rolle?

Ich hoffe nicht. Wäre aus meiner Sicht kein würdiger Abgang.

Wir werden es sehen. Ihr Fazit für 2017?

Alles wie immer. Wenn ich es mir recht überlege, kann ich ihnen zwar nicht die beste aber die schlechteste Platte 2017 nennen.

Triplicate?

Ja, leider.

Danke für das Gespräch. Und was hören sie heute noch?

Vince Staples oder Traffic oder Jazz. Jazz geht immer.

Die Röchte-Telefonate (12)

Es ist gelungen, den mittelwestfälischen Autor Antonius Röchte für eine Reihe von Telefoninterviews zu gewinnen. Sie werden hier in loser Folge veröffentlicht.

 

jojo: Tag, Herr Röchte, wir hatten ein Interview vereinbart. Passt es grad?

Antonius Röchte: Nein, aber legen sie los.

Können wir denn heute über die Koalitionsverhandlungen reden.

Nö. Interessiert mich immer noch nicht. Aber eins vielleicht: ich hätte kurz nach der Wahl eine Wette darauf abschließen sollen, dass die SPD sich doch noch irgendwie an der Regierung beteiligen wird. Das hab ich schon gesagt, als dieser Schulz sofort das Gegenteil behauptet hat. Irgendein englischer Buchmacher hätte die Wette schon angenommen und ich wär bald reich.

Na warten wir es ab. Und was schlagen sie als Thema für heute vor?

Warum ich? Sie sind wohl mal wieder schlecht vorbereitet?

Gut, dann lassen sie uns über dieses unsägliche Zentrum für Politische Schönheit reden.

Wenn es sein muss. Aber warum unsäglich?

Finden Sie denn nicht auch, dass diese Stelenaktion beim Höcke absolut geschmacklos ist?

Kann man wohl drüber streiten. Ich weiß, dass auch viele Linke das so sehen.

Aber sie scheinbar nicht.

Ich will jetzt gar nicht über Geschmack mit ihnen reden. Aber wer sagt denn, dass Kunst geschmackvoll sein soll?

Kunst?

Ja, denke schon, dass wir hier über Kunst reden. Also, es ist doch so: Das Holocaust-Mahnmal in Berlin war doch von Anfang an höchst umstritten. Auch bei Linken. Bin im Sommer da gewesen und es ist alles gekommen, wie die Kritiker es vorausgesagt haben. Kids chillen auf den Stelen rum, essen Pommes und daddeln am Handy, Kinder spielen Verstecken, die meisten Erwachsenen können nichts damit anfangen und die Ausstellung im Keller reißt auch nicht alles raus. Nun kann man mit Recht sagen, das ist kein würdiger Umgang mit der Shoah. Aber das Denkmal für die ermordeten Juden Europas ist nun mal ein Denkmal. Glaube nicht, dass ein würdigeres Werk, so ein klassisches Mahnmal, diese Funktion so gut erfüllt hätte wie Peter Eisenmans Stelen. Es wird diskutiert und damit denkt man an die Verbrechen der Nazis. Mehr kann Kunst nicht erreichen. Die Details kann man schließlich an vielen anderen Stellen nachlesen oder nachschauen.

Gut, aber was da in Bornhagen abläuft, ist doch wohl eine andere Nummer.

Warum meinen sie das? Ich denke schon, dass es sich da um Kunst handelt. Wie gesagt, über Geschmack lässt sich streiten. Aber das Werk – und ich meine das Gesamtwerk, nicht nur die Betonklötze in Höckes Nachbargarten, auch die mediale Begleitung, das Spielen mit Lügen und Halbwahrheiten, die erwartbaren Reaktionen von Nazis, Polizei, Politik, Medien und linken Kritikern – ist für mich ohne Zweifel ein Kunstwerk, eher der Aktionskunst als der bildenden Kunst zuzuordnen. Und Kunst darf erst mal alles. Wenn sie dann noch der Aufklärung dient … Was will ich mehr?

Geht es nicht um die Selbstdarstellung eitler Künstlertypen?

Künstler sind doch immer eitel. Und Kunst ohne Selbstdarstellung? Klar hat das alles ein Geschmäckle aber die Tatsache, dass an die Shoah erinnert wird und vor allem auch daran, dass in deutschen Parlamenten wieder Typen sitzen, die die Naziverbrechen relativieren und von einem „Denkmal der Schande“ reden, wiegt das doch alles auf. Ähnlich ist es doch auch mit den Stolpersteinen von Gunter Demnig. Auch dem wird Eitelkeit und Geldmacherei vorgeworfen. Hab ihn mal live erlebt und das ist alles nicht von der Hand zu weisen. Auch, dass die Gedenksteine ins Trottoir eingelassen werden und jeder Arsch drauf rumtrampelt, wird kritisiert. Kann ich alles nachvollziehen, aber die Idee, eines europaweiten Denkmals mit mittlerweile über 60.000 Steinen ist doch so grandios, dass man über alles andere hinwegsehen kann.

Auch darüber, dass diese Steine von Nazis beschmiert oder herausgerissen werden?

Das zeigt doch, dass die Kunst wirkt. Sie ärgern sich und entlarven sich gleichzeitig. Jeder herausgerissene Stein beweist doch, dass die heutigen Nazis in klarer Kontinuität zu denen von 33 stehen. Das gilt auch für Höcke. Wenn sie so wollen, gehören diese Reaktionen zum Gesamtkunstwerk dazu.

Wenn sie meinen.

Ja, tue ich.

O.k., an dieser Stelle werden wir uns wohl nicht einig werden.

Egal.

Und was machen sie heute noch?

Keine Ahnung. Wollte eigentlich in die Stadt, CDs shoppen, den Drachen füttern, aber ich glaube, der Weihnachtsmarkt hat schon angefangen. Da kotz ich im Strahl.

Trotzdem danke für das Gespräch.

Schon gut. Und nächstes Mal besser vorbereiten.

Die Röchte-Telefonate (11)

Es ist gelungen, den mittelwestfälischen Autor Antonius Röchte für eine Reihe von Telefoninterviews zu gewinnen. Sie werden hier in loser Folge veröffentlicht.

 

jojo: Tag, Herr Röchte, wir hatten ein Interview vereinbart. Passt es grad?

Antonius Röchte: Nein, aber legen sie los.

Lassen sie uns über die Koalitionsverhandlungen reden.

Nö. Interessiert mich nicht.

Sondern?

The Twang.

The Twang? Helfen sie mir.

Hab mir gedacht, dass sie die nicht kennen. Dabei haben die immerhin eine Postadresse in Schwülper.

Witzig. Und wo genau liegt das?

In der Nähe von Braunschweig. Musste allerdings auch Google Maps bemühen. Also, The Twang ist die Band, die die Countryfizierung erfunden hat.

Und was ist das nun schon wieder?

Der deutsche Begriff für Countryfication. So heißt auch ihr erstes Album.

Toll, das hilft mir jetzt wirklich weiter.

Also von vorn. The Twang ist eine Country Band. Sie beherrschen alle Spielarten der Countymusik, vom Tear Jerker bis hin zu mariachiartigem Zeug. Ihre Spezialität ist, bekannte Songs aus allen Bereichen der Popmusik in diverse Countrystiles zu übertragen.

Jetzt funkt es. So wie Boss Hoss?

Ja und nein. Boss Hoss ist die kommerzielle Variante dieser Spielart. Die Band gibt es allerdings erst seit 2004 und The Twang schon seit 1997. Ihr erstes offizielles Album erschien 2003. Gibt auch andere, die mittlerweile sowas machen, aber man kann schon sagen, dass The Twang diesen Stil für Deutschland entwickelt haben. Mittlerweile gibt es fünf reguläre Alben. Gecovert werden Songs von Britney Spears, den Beastie Boys, R.E.M., Michael Jackson usw. Sie sehen, die machen vor nichts Halt. Auf dem letzten Album „Wüste Lieder“ aus diesem Jahr gibt es erstmals nur deutsches Zeug. Da schaffen sie es, totgespieltem Zeug wie „Griechischer Wein“, oder Westernhagens „Mit 18“ noch etwas abzugewinnen. Große Klasse. Und dann noch: „Er gehört zu mir“, genauso tot gespielt, irgendwie schwul konnotiert, kriegt hier mit Unterstützung von Bela B. durch zwei tiefe Männerstimmen noch mal einen ganz anderen Dreh.

Aber sind Cover nicht eigentlich langweilig?

Finde ich nicht. Gibt halt verschiedene Formen des Coverns. Es gibt die, die versuchen, das Original so gut wie möglich zu kopieren. Ist eine gute Übung für Anfängerbands. Immerhin sind die Beatles auch so gestartet. Für Stadtfeste ganz o.k., aber in ein Konzert so einer Band würde ich nicht unbedingt gehen. Allerdings ist das gerade sehr beliebt. Gibt ja mittlerweile für jede mittelmäßig bekannte Band mindestens eine Coverband. Ganze Festivals werden ja damit bestritten. Dann sind da die Cover, die das Original verarschen wollen, irgendwelche lustigen Versionen, die ich aber meistens nicht so lustig finde. Und drittens gibt es eben die Bands, die einen eigenen Stil haben und versuchen, fremde Songs in diesen Stil zu transferieren. Der Klassiker ist „Satisfaction“ in der Version von Devo. Und in diese Kategorie würde ich auch The Twang packen.

Und warum kennt die keiner?

Sie meinen, weil sie die nicht kennen? Sie spielen eine Menge Konzerte, auch in den USA, und auf ihrer zweiten Platte haben ein paar US-Countrygrößen mitgespielt. Aber sie haben schon Recht. Absahnen tun Bands wie Boss Hoss und The Twang bespielen die kleinen Läden.

Weil Boss Hoss besser ist.

Auf keinen Fall. Boss Hoss ist halt eine größere Produktion, auf Festivalbühnen ausgelegt. Mir sind die viel zu pathetisch. Die Kunst von The Twang ist, bei allen Stücken das Pathos rauszunehmen. Eigentlich unhörbares, tausendmal von Stadtfest-Bands gecovertes Zeug, wie eben „Mit 18“, ist plötzlich gut anzuhören. Muss man erst mal schaffen.

Na, da haben wir ja wieder was gelernt. Und was machen sie jetzt?

Auf den Postboten warten. Der soll mir noch eine The Twang-Platte bringen. Und mich dann auf ihr Konzert heute Abend im Subrosa vorbereiten.

Das Ganze hier war also eine Werbeveranstaltung?

Wenn sie so wollen. Muss auch mal sein.

Die Röchte-Telefonate (10)

Es ist gelungen, den mittelwestfälischen Autor Antonius Röchte für eine Reihe von Telefoninterviews zu gewinnen. Sie werden hier in loser Folge veröffentlicht.

 

jojo: Tag, Herr Röchte, wir hatten ein Interview vereinbart. Passt es grad?

Antonius Röchte: Nein, aber legen sie los.

Geben sie mir eine Wahlempfehlung.

Was soll ich? Haben sie kein Internet? Also gut, wählen sie nicht die AfD und ansonsten eine Partei, die ihre Interessen vertritt.

Eine Partei, die meine Interessen vertritt, gibt es nicht. Das heißt aber, ich soll nicht taktisch wählen?

Das ist eine andere Frage. Aber sie haben ja Recht, wenn sich alle Parteien in der sogenannten Mitte tummeln, bleibt für uns Randständigen nicht viel. Es gibt eine sozialdemokratische Partei – und damit meine ich jetzt nicht die, die sich so nennt – sondern die LINKE. Dann gibt es viel neoliberales Zeug: SPD, CDU, Grüne, FDP und es gibt Nazis – aber über die reden wir heute bitte nicht.

Und es gibt die Kleinparteien.

Ja, aber die sind völlig irrelevant. Kleinparteien treten zur Wahl an, weil sie entweder auf ein Thema aufmerksam machen wollen, wie diese BGE-Partei, oder sie bestehen aus irgendwelchen Pöstchenjägern, die hoffen, ein Mandat zu bekommen oder wenigstens Wahlkampfkostenerstattung. Ich habe schon bei den Piraten geglaubt, dass die mit ihren Ideen besser in den anderen Parteien aufgehoben wären. Wir haben ja gesehen, dass (außer Pöstchen) nichts dabei herum gekommen ist. Solche Parteien zu wählen, bringt auch dann nichts, wenn wir uns mit ihrem Programm anfreunden könnten. Wenn es beispielsweise der DKP tatsächlich um Inhalte ginge, würde sie selbst nicht kandidieren und ihre Anhänger auffordern, die LINKE zu wählen.

Sollten solche Parteien gar nicht zur Wahl antreten dürfen?

Das ist mir egal. Wenn sie ernsthaft an Veränderungen interessiert sind, sollten sie von sich aus so klug sein, ihre Eitelkeit zurückzustellen und zumindest für die Bundestagswahl schauen, welche aussichtsreiche Partei sie unterstützen können. Und den größeren Parteien möchte ich empfehlen, wieder klare Interessenpolitik zu machen. Soll die FDP doch klar sagen, dass sie die Anwälte, Hausbesitzer und Hoteliers vertritt, die SPD Beamte und gut verdienende Facharbeiter, die Grünen die Lehrer und die CDU den Mittelstand.

Ist das nicht ein wenig platt?

O.k., ganz so einfach ist es wohl nicht, Aber ich hoffe, sie verstehen, was ich meine. Mehr Profil, bitte.

Dann vielleicht doch noch zur AfD. Wen vertritt die?

Die 20 Prozent deutschen Nazis. Schon 1939 hat Sebastian Haffner geschrieben (hab es mir extra rausgesucht): „Alle Schätzungen führen zu dem Schluss, dass der Anteil der Nazis in Deutschland an der Gesamtbevölkerung rund 20 Prozent beträgt. Etwa 40 Prozent der Bevölkerung verhalten sich loyal und 35 Prozent illoyal zu den Nazis (…) Und höchstens fünf Prozent bilden die Opposition“. Spätere Forschungen, z.B. zur autoritären Persönlichkeit, haben diese Zahlen immer wieder bestätigt. Und ich behaupte, dass sich daran nichts geändert hat. Daraus schöpft die AfD und mehr will ich zu diesen Arschlöchern hier nicht sagen. Das können die Kolleginnen und Kollegen in den Talkshows tun. Aber vielleicht noch mal zu den 20 Prozent: Natürlich wollen die anderen Parteien auch da ran. Deshalb hält sich die SPD Sarrazin, die CDU einen de Maizière, die Grünen einen Palmer und die LINKE eine Wagenknecht. Ekelhaft.

Zurück zur Ausgangsfrage. Wen dann wählen? Zuhause bleiben bringt doch auch nichts, oder?

Angesichts der Nazis wohl nicht. Hab keine große Idee: wählen sie keine Kleinpartei und ansonsten das geringste Übel. Da bleibt dann nicht viel.

O.k., weiter bin ich nicht, aber danke. Und was machen sie jetzt noch?

Erstmal eine CD einlegen. Die Surfing Magazines, denke ich.

Die Röchte-Telefonate (9)

Es ist gelungen, den mittelwestfälischen Autor Antonius Röchte für eine Reihe von Telefoninterviews zu gewinnen. Sie werden hier in loser Folge veröffentlicht.

 

jojo: Tag, Herr Röchte, wir hatten ein Interview vereinbart. Passt es grad?

Antonius Röchte: Nein, aber legen sie los.

Können wir heute über Fußball reden?

Meinetwegen. Wurde ja auch mal Zeit.

Sie sind BVB-Fan. Waren sie schon im Stadion?

In dieser Saison? Nein, war ich nicht. Hatte aber rein zeitliche Gründe.

Sie betonen das jetzt so. Hätte es denn andere Gründe geben können?

Sie wollen auf die ganze Transfer-Scheiße hinaus, oder? Keine echte Liebe mehr, Dembélé, Spieler-Poker bis zur letzten Minute. Sorry, da sind sie bei mir falsch.

Aber man hört aus Fankreisen schon eine gewisse Verärgerung. Dachte sie, als ein sich links gerierender Autor, würden die Kritik am Verein teilen.

Sind wir schon wieder bei Kapitalismuskritik? Nein, sehen sie, wenn man Profifußball als Sport betrachtet, ist diese Kritik berechtigt. Aber Profifußball ist kein Sport.

Sondern?

Profifußball ist ein Teil der Massenkultur, der Popkultur; nennen sie es, wie sie wollen. Und die ist durch und durch kapitalistisch.

Das müssen sie mir jetzt aber erklären. Warum genau ist Profifußball kein Sport?

Sport ist nach meinem Verständnis Wettbewerb nach Regeln. Die Regeln sorgen dafür, dass die Voraussetzungen für alle Beteiligten gleich sind und es letztlich nur auf die Fitness, Kraft, Intelligenz, Ausdauer etc. des Einzelnen oder meinetwegen auch einer Mannschaft ankommt. Regeln sind da, damit alle unter den gleichen Voraussetzungen starten. Nun kann man natürlich sagen, Profisport findet nicht nur auf dem Rasen, beim Spiel oder im Training statt, sondern auch in der Welt der Manager, der Spielervermittler, der Scouts, der Fanbetreuer, der Pressemenschen etc. Der Verein als Ganzes ist der Player, nicht nur die Mannschaft. Gespielt wird nicht nur auf dem Rasen, sondern auch in den Chefetagen, in Verhandlungszimmern oder meinetwegen auch in den Fanblocks.

Faktisch ist das doch so.

Genau. Darum geht es mir auch gar nicht. Es ist nur so: Auf dem Platz versucht man die Regeln mit allen Mitteln durchzusetzen, Stichwort Videobeobachtung. (Ist aber ein anderes Thema.) Und außerhalb des Rasens gibt es keine Regeln. Kern jedes Vereins ist immer noch der Spielerkader und jedes Kind weiß, dass es bei seiner Zusammensetzung nicht um „echte Liebe“ geht, sondern um Kohle. Und wenn irgendein Hoffenheim-Wald-Und-Wiesen-Verein den richtigen Sponsor findet, kann er in der Bundesliga oben mitspielen. Egal ob Brausekönig oder Ölscheich, es gibt halt Leute, die für ihr Spielgeld nackte Männerbeine laufen sehen wollen. Da wird völlig ungeregelt Kohle in die Vereine gepumpt und wenn ein Verein keinen Geldgeber hat, wird er auf Dauer abgehängt.

Aber bei den Borussen oder Bayern gibt es doch solche Großinvestoren nicht.

Ist richtig. Beide agieren selbst gut am Markt und der BVB hat sich einen Teil seines Spielgelds von Aktionären geholt. Aber stellen sie sich vor, beide Vereine würden zwei, drei Jahre mal nicht europäisch spielen. Sie wären weg vom Fenster oder würden sich dann auch nach irgendwelchen Großinvestoren umschauen müssen. Auch hier scheißt der Teufel auf den großen Haufen. Wo schon was ist, kommt schnell noch mehr dazu: Fernsehgelder, Merchandising – der ganze Scheiß. Kleine Vereine haben da auf Dauer keine Chance.

Und sie sagen, da fehlen die Regeln.

Weiß nicht ob man das überhaupt wieder einholen kann, aber ein erster Schritt wäre die Deckelung der Vereinsetats nach oben. Ob ein Verein für 150 Millionen fünf Spieler kauft oder nur einen, ist mir letztlich egal – aber die Gesamtsumme sollte schon begrenzt sein. Nur so könnte man wieder halbwegs gerechte Verhältnisse herstellen. Aber das Kapital zu bändigen, ist, wie wir aus anderen Zusammenhängen wissen, nicht ganz so leicht.

Trotzdem gehen sie weiter ins Stadion?

Klar. Mir ist die Popkultur sowieso viel näher als der Sport.

Kein Fußballromantiker?

Zum Glück nicht. Wenn ich den Fußball als Sport sehen würde, müsste ich mir Spiele in der vierten Liga und abwärts anschauen. Aber mir geht es um das Spiel an sich. Als Fan muss man sich schon positionieren, auf einer Seite stehen, keine Frage. Sonst macht es keinen Spaß. Im Zentrum steht aber das Spiel. Und, seien wir ehrlich, wirklich gute Spiele sieht man nur im Profifußball.

Beim nächsten Heimspiel des BVB sind sie also dabei?

Klar.

Ja, denn. Vielen Dank. Was machen sie jetzt? Musikhören?

Ja, vielleicht. Aber ganz bestimmt keine BVB-Hits.

Die Röchte-Telefonate (8)

Es ist gelungen, den mittelwestfälischen Autor Antonius Röchte für eine Reihe von Telefoninterviews zu gewinnen. Sie werden hier in loser Folge veröffentlicht.

 

jojo: Tag, Herr Röchte, wir hatten ein Interview vereinbart. Passt es grad?

Antonius Röchte: Nein, aber legen sie los.

Lange nichts von ihnen gehört, waren sie in Hamburg?

Ich in Hamburg? Sie meinen am Wochenende? Wie kommen sie denn darauf?

Sie als Kapitalismuskritiker…

Vorsicht. Ein Kritiker ist doch jemand, der auf Schwachstellen hinweist um etwas zu verbessern.

Wenn sie meinen. Also Kapitalismusgegner.

Ein großes Wort. Unter einem Gegner verstehe ich jemand, der etwas bekämpft. Ich bekämpfe den Kapitalismus nicht. Auch wenn ich ihn nicht mag.

Sagten sie neulich schon: „Den Drachen füttern“.

Ihn ruhig halten.

Aber sie als Linker …

Halt, stopp. Jetzt sagen sie mir bitte zuerst, was sie unter „links“ verstehen.

Gremliza hat das in der letzten konkret so beschrieben: „Für mehr Gewalt, Waffen, Soldaten, Polizei, Überwachung, weniger Rechte für Frauen, Schwule, Lesben, Ausländer, mehr Vaterland, Arbeitszeiten, Autos, Abgase, weniger Rente: Das ist rechts. Von allem das Gegenteil: Da geht`s nach links“.

O.k., dem könnte ich mich anschließen. Aber vielleicht ein wenig materialistischer: Follow the money. Wir wissen, das Geld fließt immer nach oben. Gib dem Ärmsten einen Euro, irgendwann wird er in der Hand des Reichsten landen. Links wäre für mich alles, was sich diesem Naturgesetz des Kapitalismus entgegenstellt. Also dafür sorgt, das Geld nach unten fließt. Was das Kapital nicht freiwillig hergibt, muss erzwungen werden. Das ist vielleicht auch keine befriedigende Definition für „links“ aber wenn ich Entwicklungen, Aktionen etc. beurteilen möchte, frage ich mich immer: Wem nützt es? Wohin fließt die Kohle?

Dann noch mal nach Hamburg. Wem haben die Proteste genutzt?

Ganz platt gesagt, dem Kapital.

Sie meinen, weil es an abgefackelten Autos und kaputten Ladenfenstern letztlich verdient?

Das auch. Aber man hat ja dieses große Tohuwabohu auch inszeniert, um von den Schweinereien abzulenken, die auf diesem Gipfel wahrscheinlich wieder verhackstückt wurden. Außerdem sehen wir ja, wie die riots, die völlig absehbar waren, jetzt gegen linke Projekte gewendet werden. Da hat die sogenannte „Linke“ sich selbst ins Knie geschossen.

Man hätte also nicht protestieren sollen?

Ganz ehrlich? Ja, man hätte nicht protestieren sollen, zumindest nicht in Hamburg. Warum muss diese „Linke“ über jedes Stöckchen springen, das das Kapital und seine Helfer aus der Politik ihr hinhalten?

Aber man muss doch seine Meinung äußern.

Darum geht es doch gar nicht. Ich finde es toll, wenn junge Leute auf die Straße gehen, sich zusammentun, sagen, was ihnen nicht passt. Keine Frage. Aber in diesem Fall muss man sich doch ernsthaft fragen: Was hat es gebracht? Stellen sie sich mal Folgendes vor: Es wären zwar jede Menge Demos angemeldet worden aber nur ganz wenig Leute wären dahingekommen. Stattdessen hätte eine gut organisierte Linke (die es leider nicht gibt) an ganz anderer Stelle, vielleicht sogar in einem anderen Land, ein Gelände, ein Gebäude besetzt und demonstriert, wie sie sich ein gutes Leben jenseits des Kapitalismus vorstellt. Auch so eine Aktion wäre wahrscheinlich irgendwann platt gemacht worden, vielleicht auch nicht, wäre aber eine ganz andere und wirkungsvollere Form des Protests gewesen, als das, was in Hamburg gelaufen ist.

Braucht aber auch eine gewisse Militanz. Wie stehen sie denn zur Gewalt?

Schwierige Frage. Ich selbst kann nicht militant sein und kann das deshalb auch nicht von anderen fordern. Will nicht der Opa sein, der seine Enkel in den Krieg schickt. Das hindert mich aber nicht daran, der Wut junger Leute, die sich mit der geballten Staatsmacht konfrontiert sehen, ein gewisses Verständnis entgegenzubringen.

Sie meinen also, die Linke sollte ihre Kraft nicht mit Protesten verschwenden, sondern sie in Alternativen stecken.

Ja, auch wenn das ein wenig hippiemäßig klingt. Und das gilt natürlich nicht nur für Hamburg. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Protest gegen das Kapital nichts bringt, es sich im Zweifel selbst erledigt und eine Linke gut beraten wäre, viel stärker an Alternativen zu arbeiten und Freiräume für Leute zu erkämpfen, die mit der kapitalistischen Lebensweise nichts am Hut haben. Die Hamburger Flora ist ja wohl eines solcher wenigen Projekte. Sollte sie nach den Krawallen dicht gemacht werden, hat man genau das Gegenteil von Fortschritt erreicht.

In der ZEIT dieser Woche sagt Armin Nassehi „Eine Linke braucht es nicht mehr“. Hat er etwa Recht?

Herr Nassehi ist ja kein ganz dummer Mensch auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin, was er so von sich gibt. Er sagt ja, dass der leere Signifikant ‚Kapitalismus abschaffen‘ als theoretische und politische Lösung nicht mehr taugt. Dem würde ich zustimmen. Eine Linke die glaubt, dieses Ziel erreichen zu können, indem sie den Kapitalismus bekämpft, brauchen wir nicht. Wenn es um das Abschaffen geht, setzte ich größere Hoffnungen auf den Kapitalismus selbst. Trotzdem halte ich die Linke (und ich meine jetzt nicht diese Partei von Restsozialdemokraten) nicht für obsolet. Wir brauchen eine Linke die Alternativen entwickelt und Freiräume für die Erprobung des guten Lebens erkämpft.

Ja, denn. Vielen Dank. Was machen sie jetzt? Musikhören?

Nein, ich geh in den Garten und hör den Vögeln zu.

Rudi und die Kohlwähler

Ist wohl heute der Tag, um an die große Band Rudi & die Kohlwähler zu erinnern. Hier in einer seltenen Liveaufnahme 1983 mit ihrem (lokalen) Smash Hit „Uns Gehts Gut“.

Rudi & die Kohlwähler – Uns Gehts Gut (Live im AZ Lippstadt 1983)