Die Röchte-Telefonate (6)

Es ist gelungen, den mittelwestfälischen Autor Antonius Röchte für eine Reihe von Telefoninterviews zu gewinnen. Sie werden hier in loser Folge veröffentlicht.

 

jojo: Tag, Herr Röchte, wir hatten ein Interview vereinbart. Passt es grad?

Antonius Röchte: Nein, aber legen sie los.

Hatte es eben schon mal versucht. Wir wollten doch telefonieren.

Ja, war noch den Drachen füttern.

Den Drachen füttern? Was meinen sie damit?

„Shopping“, sagen die jungen Leute.

Und waren sie erfolgreich?

Die neue Feelies-CD und eine Packung Unterhosen, wenn sie es genau wissen wollen.

Den Ausdruck „den Drachen füttern“ hab ich in diesem Kontext noch nicht gehört. Wer oder was ist denn dieser Drache?

Muss ich das hier wirklich ausführen? Das Kapital natürlich.

Und das füttern sie? Warum lassen sie es nicht einfach verhungern?

Witzbold. Mach ich gerne, wenn sie mitmachen. Und alle, die durch die Supermärkte und Einkaufszonen rennen.

Aber die meisten haben doch Spaß daran.

Eben. Beziehungsweise meinen sie das zumindest. Sicher würde das Kapital ein allgemeiner Konsumverzicht schwer treffen, aber erzählen sie das mal den Leuten.

Tun sie es!

Habe ich aufgeben. Kapitulation auf der ganzen Linie.

Und füttern ihn stattdessen selbst, diesen Drachen.

Was soll ich machen. Muss in diesem System überleben. Es gibt kein anderes.

Kuba.

Ja, Kuba. Hab ich tatsächlich mal dran gedacht. Aber wie lange wird es denn dieses Kuba noch geben? Aber ehrlich gesagt, sind das nur Ausflüchte. Eigentlich muss ich hier bleiben, weil ich blöd bin. Beherrsche nur eine Sprache wirklich und kann mich nur mit Arbeiten am Kacken halten, die irgendwie mit Sprache zu tun haben. Da bleibt halt nur der deutsche Sprachraum und der ist nicht so groß. Ist mein persönliches Defizit, schon klar.

Aber könnten sie nicht auch im Ausland deutsche Texte verfassen?

Mag sein. Auf Dauer würde mir aber der Input fehlen. Wir Schreiber filtern und verdichten doch nur. Ja, ich sehe schon, dass sie das nicht überzeugt. Vielleicht bin ich auch nur zu faul oder zu alt. Auf jeden Fall werde ich hier bleiben und dem Drachen weiter meinen Tribut zollen.

Und es gibt keine Chance ihm zu entkommen?

Sehen sie eine? Ich nicht. Es ist doch wie in diesen Märchen: solange dem Drachen regelmäßig Opfer in Form von irgendwelchen Gaben oder auch von jungen Frauen oder Männern gebracht werden, lässt er die anderen in Ruhe. Sobald sie aufmucken, überzieht er das Land mit Vernichtung.

Aber da gibt es doch immer auch diesen Ritter, der den Drachen bezwingt.

Wer soll das sein? Dieser Schulz vielleicht oder Sarah Wagenknecht? Lächerlich. Nein, wir können froh sein, dass er im Augenblick nur unser Geld will. Ihm reicht, dass wir Teil seines Organismus sind. Die Menschenopfer holt er sich in Syrien, im Sudan, überall da wo Leute von Soldaten  ermordet werden, verhungern, an heilbaren Krankheiten krepieren oder in Umweltkatastrophen. Der Drache wütet weltweit. Wir leben auf einer Insel der Seligen.

Wenn wir Teil seines Organismus sind, sind wir dann also selbst der Drache?

Ja und nein. Wenn alle Menschen der westlichen Welt und Chinas und Japans, Koreas, Russlands und so weiter plötzlich aufhören würden, zu funktionieren wäre der Drache tot. Aber nur dann. Sobald nur ein wichtiger Teil seines Organismus überlebt, wird er wieder groß werden und sich die anderen Teile wieder einverleiben. Dass hat der Ostblock genau so erlebt.

Wobei man schon fragen darf, ob der Drache da wirklich tot war oder nur die Form gewechselt hat.

Sie sprechen von Staatskapitalismus. Kann sein. Das ist eine andere Frage, macht aber alles nicht besser.

Und nun?

Was, und nun?

Was tun?

Nichts. Wir werden weiter machen, wie wir es immer getan haben. Unsere Haut zu Markte tragen und den Drachen füttern. Wir können allenfalls schauen, dass es uns und unseren Lieben gut geht. Wenn es hoch kommt, können wir ein bisschen Einfluss auf unser Wohnumfeld nehmen, was für arme Kinder tun, für Geflüchtete, Obdachlose, eben für alle, denen der Drache mehr zusetzt als uns.

Klingt nach Gewissensberuhigung.

Ja, ist es.

Und was machen sie jetzt?

Die Feelies-Platte hören.